Allgemein, Geschichten

Die Bescherung in der Speisekammer

molle

 

Wie das duftet. Aus jeder Ritze des alten Kutters strömt der Duft von frisch gebackenen Plätzchen. Ob die liebe Molle hier wohl ihre Federn im Spiel hat? Wollen wir doch mal durch das Küchenfenster schauen. Das Möwenmädchen wirbelt einen dicken Klops Teig in einer Backschüssel herum. Gekonnt formt sie mit ihrem Schnabel kleine Kügelchen daraus und lässt diese auf ein Backblech plumpsen. Jetzt noch den Keksstempel vorsichtig draufdrücken, wieder etwas zurechtrücken und schon backen18 krumme Schneeflocken im Ofen. Eine Möwe backt Kekse. Ich sag euch, kein Vogel zwischen Elbe und Nordsee hat solch ein Talent in der Küche. „Molle, wer soll denn die ganzen Leckereien essen?“ Hanno steht ungläubig vor dem Berg Keksdosen. „Das sind sieben Stück. Herrjemine.“ Molle überhört die Frage und lenkt lieber ab: „Na, die sind doch alle für unser Weihnachtsfest. Ich hätte eigentlich locker neun Dosen füllen können, aber Piet musste ja unbedingt ganz, ganz viel Teig probieren. Das hat er nun davon!“ Hanno blickt zum Körbchen. Bootshund Piet sieht gar nicht gut aus. Sein dicker Bauch ist noch dicker. Er sieht aus wie ein Kugelfisch mit Fell. „Aua…“, schnieft er ganz wehleidig. „Ich glaube, ich habe zu viel Teig genascht. Aua…!“ „Ich glaube? Ich weiß, dass du zu viel Teig genascht hast!“, lacht Molle. „Hauptsache du bist schnell wieder fit, sonst verpasst du noch die ganze Feier und die Bescherung und die Geschenke!“ Piet heult laut auf. Hanno muss nun auch schmunzeln, holt dem Vierbeiner aber eine Wärmflasche, eine zweite Decke und krault ihm den Bauch.

Weihnachten kann man auf dem Kutter gar nicht verpassen. Bereits Anfang November dreht Molle völlig durch und kramt die Kartons voller Weihnachtsschmuck hervor. In den ersten gemeinsamen Jahren auf dem Kutter hatte sich Hanno noch erfolgreich gegen die Invasion von Rentieren und Sternen gewehrt. Aber irgendwann hat er es aufgegeben. Molle war viel zu verrückt nach dem glitzernden Kram und er hatte keine Lust auf Streit zum Fest. Der Kutter erstrahlt also auch in diesem Jahr wieder im schönsten, kitschigsten Glanz. Zum Glück ist die Landebahn der Finkenwerder Enten doch ein wenig entfernt, sonst würden die bei der strahlenden Beleuchtung noch ausversehen auf dem Kutter landen. Als es abends an der Tür klopft, denkt Hanno also eher an die genervten Nachbarvögel, die sich über die übermäßige Beleuchtung beschweren möchten. Doch es kommt ganz anders. Da steht seine Bescherung. Bereits am 22. Dezember darf er sein Geschenk in Empfang nehmen. „Frida, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“, stammelt Hanno an der Tür. Eine kleine Frau mit kurzen blonden Haaren und einem viel zu großen, grünen Mantel lächelt ihm zufrieden entgegen. Und bevor sie ihm antwortet, drückt sie ihn ganz fest. Hanno steht da wie ein Eisblock, der Angst hat zu tauen. „Ich bin deiner Einladung gefolgt. Du hattest mir doch geschrieben, dass du dich über meinen Besuch zum Weihnachtsfest freuen würdest. Oder habe ich dich falsch verstanden?“ fragt sie vorsichtig. „Nein, nein. Vollkommen richtig. Sie sind herzlich willkommen bei uns“, wirft Molle schnell ein. „Wir freuen uns!“ Hanno scheint langsam aufzutauen und schaut Molle mit scharfem Blick an „Wer hat Frida geschrieben? Und überhaupt, wer kann in diesem Haushalt Schreiben – außer mir!“ „Ähm, das ist doch vollkommen nebensächlich“, winkt Molle nur mit ihrem Flügel ab und lenkt Frida Richtung Küche. Die packt ihren schweren Rucksack unter den Arm und flüstert Molle zu: „Schön dich kennenzulernen und schön, dass du mir scheinbar geschrieben hast. Bei Hanno warte ich schon seit 20 Jahren auf eine Antwort.“ Hanno eilt hinter den beiden her und versucht immer noch die Situation richtig zu deuten „Molle hat dir geschrieben? Woher hat die denn deine Adresse? Es tut mir leid, dass ich nie geantwortet habe, ich bin doch nur ein kauziger alter Kerl der mit einer Möwe und einem Hund zusammenlebt… du bist auf der ganzen Welt unterwegs und ich lebe hier auf dem alten Kutter… Mensch Frida, du bist wirklich da!“ Hanno bekommt eine ganz rosige Gesichtsfarbe. Und jetzt lächelt er auch.

Was für eine Aufregung. Da trifft Hanno auf seine Jugendliebe Frida. Die Beiden quasseln über alte Zeiten und Hanno scheint ganz zufrieden mit diesem Überraschungsgast. Er hat nur Augen für Frida und bekommt gar nicht mit, wie Molle den Rucksack von ihr eingehend untersucht. Irgendwie bewegt sich da doch was drinnen. Was ist das? Eine Schnalle löst sich und zwei tiefschwarze Augen blicken Molle aus dem Dunkeln an. „Was bist denn du?“, kreischt Molle panisch und flattert schnell ein wenig zurück. Auch Piet zieht sofort seine Pfoten weiter ins Körbchen. „Ach, wie unhöflich von mir“, sagt Frida „Ich hab euch noch gar nicht vorgestellt. Das ist Caruso. Mein Kater.“ Das kann nur ein ganz schlechter Scherz sein. Da hatte Molle alles riskiert. Den Brief von Frida aus Hannos Schublade gemopst, die Adresse entziffert und mit Piets Hilfe Buchstaben und Wörter gemalt. Sie hatte sogar die Flugverbotszone für Möwen über dem Rathausplatz ignoriert. Nur um die Karte mit der Einladung für Frida bei der Post aufzugeben. Das hätte ihre Lizenz zum Fliegen kosten können. Und was bekommt sie dafür. Einen Kater zum Fest! Molle fliegt sofort auf den Lampenschirm und macht auch keine Anstalten da wieder runter zu kommen. Caruso streift schnurrend Hannos Beine. „Oh, er mag dich“, stellt Frida zufrieden fest. Hanno streichelt das schwarzweiß gefleckte Fell und versucht zu vermitteln: „Hallo Caruso. Entschuldige die panische Begrüßung von Molle. Sie ist nicht unbedingt ein Fan von Katzen.“ Die sind eher ein Fan von mir. Wenn ich bei denen im Maul lande, denkt sich Molle. Als ob Hanno ihre Worte gehört hätte, ergänzt er „Na ja, während eures Besuches hier auf dem Kutter haltet ihr euch einfach an unsere Hausordnung an Bord, es wird niemand gegessen, der einen Namen hat.“

Am nächsten Morgen sitzen Hanno und Frida schon mit einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch als Molle vollkommen aufgelöst in die Küche rauscht „Er hat sie geplündert. Die Keksdosen in der Speisekammer. Caruso. Er muss es gewesen sein. Wie kann er das bloß machen. Morgen ist doch unser Weihnachtsfest. Er macht alles kaputt.“ meckert sie los. Caruso hebt nur kurz seinen Kopf, um sich dann unbeeindruckt wieder hinzulegen. „So etwas Arrogantes!“ schnaubt Molle fassungslos. „Was ist denn passiert? Wo sind die Kekse?“, fragt Hanno in die Runde. „Die können sich ja nicht alle in Luft auflösen.“ Frida nimmt Caruso auf den Schoß und fragt ihn leise: „Hast du etwas damit zu tun, mein Freund?“ Der Kater schnurrt nur kurz und antwortet: „Frag doch lieber die Mäuse.“ Molle verliert die Geduld: „Ah, der werte Kater kann doch sprechen. Lenk nicht von dir ab. Du warst das! Wo sollen denn hier Mäuse sein! Ich habe keine gesehen.“ „Sie sind überall hier. Eine ganze Sippe wohnt da draußen im Deich. Kennt ihr die nicht? Das sind doch eure Nachbarn. Ich habe mir da nichts bei gedacht, als sie gestern durch das Fenster rein sind.“ Molle steht der Schnabel immer noch offen: „Wie bitte?! Ein Kater, der eine Maus verschmäht. Du hast sie gehört und nichts unternommen?“ „Nein“, antwortet Caruso „Wie war das mit der Bordregel, es wird niemand gegessen, der einen Namen hat.“ „Da hat Caruso recht!“, sagt Hanno und atmet schwer. „Er lügt!“, zischt Molle. „Er erzählt das alles nur um von sich abzulenken!“, ergänzt Piet. Puh, die Stimmung ist eisig. Molle und Piet schimpfen den ganzen Tag über Caruso und selbst eine deftige Standpauke von Hanno, kann die zwei nicht aufhalten.

In der kommenden Nacht liegt Molle lange wach und ärgert sich immer noch. So viel Arbeit hatte sie in die Vorbereitung des Weihnachtsfestes gesteckt und dann kommt da dieser arrogante Kater und futtert sich durch. Warum hatte sie nur Frida eine Karte geschickt? Dann wäre auch Caruso nicht an Bord. Ihr fallen schon fast die Augen zu, da hört sie ein dumpfes Geräusch. Was war das? Ist Caruso etwa schon wieder in der Speisekammer? „Den werde ich auf frischer Tat ertappen!“, flüstert Molle und schleicht aus ihrem Zimmer. Mit einem lauten „Erwischt!“ reißt sie die Tür auf. Doch da steckt kein Caruso seinen Kopf aus der Keksdose. Mindestens 20 Augenpaare starren Molle erschrocken entgegen. „Mäuse!“ stammelt Molle überrascht. „Äh, guten Abend…“, stottert ein dünner Mäuserich, mit einem Schneeflocken-Keks auf dem Rücken. „Es tut mir leid, wenn wir zu laut waren. Wir sind auch gleich fertig und haben alle Kekse verladen.“ „Wie bitte?!“, fragt Molle. „Das sind meine Kekse! Hier wird gar nichts mehr Verladen! Das ist Raub.“ „Entschuldigen sie, unser Containerschiff legt bald ab. Was wollten sie nun machen. Uns mit ihrem Schnabel kitzeln?“ Die Mäuse kichern und machen munter weiter. Unglaublich. Keine hört Molle mehr zu. „Mmmhh…lecker“, schnurrt es plötzlich hinter ihr. Mit breiten Schultern stellt sich Caruso hinter Molle. „Ich hatte noch keinen Nachtisch. Wie schön, dass sich so viele kleine Köstlichkeiten hier eingefunden haben.“ Der dünne Mäuserich erschrickt sich fürchterlich „Hilfe! Niemand hat uns informiert, dass es hier eine Katze gibt! Das stand nicht im Protokoll.“ „Buh!“, faucht Caruso und die Mäuse ließen sofort die Kekse fallen und flüchteten durch das Fenster. Caruso lacht laut. Molle bekommt ein fürchterlich schlechtes Gewissen. „Du hattest ja Recht! Caruso, es tut mir schrecklich leid. Wenn ich das gewusst hätte. Wolltest du die wirklich essen als Nachtisch?“ Caruso beißt in eine große Schneeflocke und grinst: „Ich habe nur von den Keksen geredet.“

Es bleiben noch genau zehn Kekse. Doch die reichen völlig. Denn echte Freunde machen doppelt satt. Die Kutter-WG feiert mit Frida, Caruso und vielen tierischen Freunden ein fröhliches Weihnachtsfest. Und die Geschichte von den piepsenden Einbrechern sorgt für viel Gelächter.

2 Gedanken zu „Die Bescherung in der Speisekammer“

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